Veranstalter: Zum 25. Mal veranstalteten solarcomplex AG (Jan Weber links in Vertretung für Geschäftsführer Bene Müller), Bodensee-Stiftung (Geschäftsführer Volker Kromrey und Präsident Jörg Dürr-Pucher Mitte und zweiter von rechts), die Mainau GmbH (Michael Roensch, Geschäftsführer Mainau GmbH, rechts) und Landesforstverwaltung BW (nicht auf dem Foto vertreten) die Tagung „Energiesysteme im Wandel – Chancen für die Region“.
Jubiläumstagung „Energiesysteme im Wandel“ auf der Insel Mainau zeigt Fortschritte und Lösungen der Wärme-, Strom- und Mobilitätswende - und mahnt Tempo für weitere Fortschritte an
Zahlreiche Impulse, reichlich Erfahrungsaustausch und eine große Portion Motivation vermittelte auch in diesem Jahr die Veranstaltung „Energiesysteme im Wandel – Chancen für die Region“. Zum 25. Mal bot die zweitägige Konferenz Vertretern von Kommunen, Unternehmen, Wissenschaft und interessierten Bürgerinnen und Bürgern eine anregende Austauschplattform darüber, wie die Energiewende vor Ort vorangetrieben werden kann. Dass die Tagung schon ein Vierteljahrhundert immer wieder aufs Neue Interessierte anspricht, war für die Veranstalter Bodensee-Stiftung, Landesforstverwaltung BW, die Mainau GmbH und solarcomplex AG ein Grund zum Feiern. Dazu hatten sie Vorreiter, die bereits früher bei der Veranstaltung gesprochen hatten, nochmals eingeladen, um eine (Zwischen-)Bilanz ihrer Arbeit zu ziehen, darunter der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Zur Feier des Anlasses waren die Gäste zudem zu Exkursionen eingeladen: Die Baustellen in Dingelsdorf zur Nutzung von Seethermie für die Wärmeversorgung sowie der Windparkanlage Länge bei Fürstenberg waren informative Ziele.
„nichts an Dringlichkeit verloren“
Wer die Jubiläumsveranstaltung auf der Insel Mainau besuchte, erlebte aller Tradition zum Trotz eine aufrüttelnde Premiere: Noch nie war Ende September beim Gang über den Inseldamm zum Veranstaltungssaal der Wasserstand des Bodensees so niedrig. Für Mainau-Geschäftsführer Michael Roensch, ein deutliches Zeichen dafür, dass die Veranstaltung nichts an ihrer Dringlichkeit verloren hat. „Der Klimawandel ist keine abstrakte Herausforderung, wir brauchen konkrete Lösungen“, sagte er in seiner Begrüßungsansprache.
Freude über das Erreichte und Mahnung zum beschleunigten Fortschreiten in der Energie- und Wärmewende vermittelte Jörg Dürr-Pucher, Präsident der Bodensee-Stiftung. Stammten bei der ersten Tagung vor 25 Jahren lediglich 5 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen, lag der Wert im ersten Halbjahr 2026 bei 57 Prozent, hob er auch in Vertretung des kurzfristig erkrankten Bene Müller, Vorstandsmitglied der solarcomplex AG, hervor. Das sei unter anderem die Leistung von vielen Kommunen, Stadtwerken und Behörden, die vorangegangen sind, honorierte er.
Wie haben diese die Schritte zur Transformation geschafft? Enthusiasmus für die Sache, Überzeugungskraft, Verhandlungsgeschick und Ausdauer waren zum Beispiel Rezepte der Stadtoberhäupter von Leutkirch, Freiamt und Tübingen. Boris Palmer stellte die Tübinger Klimaschutzkampagne „Tübingen macht blau“ vor. Im Mittelpunkt stehen Wärme, Strom und Mobilität: Energieverbrauch senken, erneuerbare Energien ausbauen, die Wärmeversorgung umbauen sowie Bus-, Bahn-, Rad- und Fußverkehr stärken. Die spezifischen energiebedingten CO₂-Emissionen pro Einwohner sind in Tübingen zwischen 2006 und 2024 um 50,3 Prozent gesunken. Ziel bleibt die Klimaneutralität der Universitätsstadt bis 2030.
Die Transformation der Kommunen fordert vor allem die örtlichen Stadtwerke. Gordon Appel, Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz, beschrieb deren Weg vom Energieversorger zum Lösungsanbieter. Digitalisierung, dezentrale Energieerzeugung, Klimaschutz sowie die wachsende Bedeutung von Sicherheit und Resilienz verändern die Rolle der Stadtwerke ebenso wie die der Kundinnen und Kunden. Sie sind heute zunehmend gleichzeitig Energieverbraucher und -erzeuger.
Wärmewende als zentrale Zukunftsaufgabe
Eine der größten Infrastruktur- und Investitionsaufgaben für Kommunen bleibt die Wärmewende. Vorreiter darin ist Mannheim. Die Stadt setzt auf einen Ausbau der Fernwärme und deren schrittweise Dekarbonisierung bis 2030. Bernard Schumacher stellte die ambitionierte Umsetzungsstrategie der MVV Energie AG vor. Zum Mix gehören bereits Abwärme aus der thermischen Abfallbehandlung, mehrere Flusswärmepumpen und ein Biomasseheizkraftwerk. Zukünftig kommen noch Tiefengeothermie und weitere Abwärmequellen hinzu.
Trotz aller technischer Möglichkeiten gelte weiterhin, Energie zu sparen, hatte bereits Mainau-Geschäftsführer Michael Roensch eingangs gemahnt. Wie dies im Gebäudesektor gelingen kann, zeigte Heiner Wolfsberger vom Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat am Beispiel der Holzbau-Offensive Baden-Württemberg.
Weitere Beiträge widmeten sich Großwärmepumpen, dem Ausbau von Wärmenetzen und Innovationen in der erneuerbaren Energiewirtschaft. Wie Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle am Beispiel Leutkirchs erläuterte, bietet die Energie- und Wärmewende zugleich die Möglichkeit, die regionale Wirtschaft zu stärken und Wertschöpfung in der Region zu kreieren, anstatt hohe Summen für den Einkauf von fossilen Energieträgern ins Ausland abfließen zu lassen.
Energiewende zum Anfassen
Wie die diskutierten Lösungen in der Praxis aussehen, konnten die Teilnehmenden bei zwei Exkursionen erleben:
In Dingelsdorf entsteht derzeit das größte Wärmewende-Projekt im Landkreis Konstanz. Ein rund 17 Kilometer langes Wärmenetz soll künftig etwa 400 Gebäude in Dingelsdorf und Wallhausen mit Wärme aus dem Bodensee versorgen. Am Klausenhorn, wo aktuell die Energiezentrale gebaut wird, erläuterte Jan Weber vom Projektierer solarcomplex AG die Umsetzung. Über eine in rund 25 Meter Tiefe gelegene Entnahmestelle soll das Bodenseewasser als Wärmequelle für eine Großwärmepumpe genutzt werden.
Am zweiten Veranstaltungstag wurde der Windpark Länge besichtigt, der auf der Gemarkung von Hüfingen und Donaueschingen mit sechs Windenergieanlagen entsteht. Zusammen sollen sie rund 60 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen – bilanziell genug für den privaten Stromverbrauch von rund 53.000 Menschen.
Damit bot die Jubiläumstagung beides: den Blick auf 25 Jahre Energiewende und konkrete Anregungen für die nächsten Schritte. Gerade Kommunen, die in der Planung ihrer eigenen Projekte stehen, konnten von Erfahrungen, Praxisbeispielen und den direkten Gesprächen mit den Referierenden profitieren. So lohnt sich ein Besuch der Veranstaltung auch im nächsten Jahr. Auch weil dann die Jubiläumsfeier fortgesetzt wird: Bene Müller, Hauptinitiator und somit Jubilar der Veranstaltung, musste kurzfristig seinen Rückblickvortrag auf nächstes Jahr verschieben.