50 Jahre Grüne Charta: Festakt auf Schloss Mainau

„Möge die Grüne Charta von der Mainau dienen, fördern und helfen und vor allem: Taten auslösen. Dieser bedarf unsere Zeit am dringlichsten“, sind die Worte, mit denen Graf Lennart Bernadotte am 20. April 1961 die Grüne Charta von der Mainau verkündete.

In einem Festakt am 22. Oktober 2011 zum 50jährigen Jubiläum des Manifests unterstrich Graf Björn Bernadotte, Sohn des legendären Mainau-Begründers die Weitsichtigkeit seines Vaters sowie dessen Mitstreitern. Festredner Prof. Dr. Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister, erläuterte im voll besetzten Weißen Saal des Mainau-Schlosses mit Gästen aus Adel, Politik und Gesellschaft die visionären Forderungen des Dokuments im Kontext der damaligen Zeit und zeigte die Aktualität der Grünen Charta auf.

Den Anlass für dieses bedeutende Manifest bildeten die fünften Mainauer Gespräche, zu denen Graf Lennart Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft einlud, um über die Zukunft des Naturschutzes in Deutschland zu diskutieren. Er hatte sie 1957 initiiert. Die „Grüne Charta von der Mainau“ ist eines der herausragenden Ergebnisse dieser Gespräche. Der anwesende Bundespräsident Heinrich Lübke rief daraufhin den „Deutschen Rat für Landespflege“ ins Leben, der wesentlich dazu beitragen sollte, die in der Grünen Charta aufgestellten Forderungen umzusetzen. Der DRL wurde am 5. Juli 1962 von Graf Lennart Bernadotte berufen und steht seitdem ständig unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Bundespräsidenten. Graf Lennart war viele Jahre Sprecher des Rates. Die „Grüne Charta von der Mainau“ enthält zwölf Forderungen zur Sicherung gesunder Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Sie ist das erste zentrale Dokument deutscher Umweltgeschichte, das über die Vorstellung hinausweist, Umweltschutz sei vor allem Heimat- und Landschaftsschutz. Sie diagnostiziert eine ernsthafte Beeinträchtigung der natürlichen Umwelt und fordert daher auch übergreifende Maßnahmen. Naturschutz wird darin endlich als praktisches ökologisches Problem begriffen, bei dem es darum geht, die für den einzelnen als schädlich erkannten Einflüsse der Umweltzerstörung zu beheben.

In einer Zeit, in der der wirtschaftliche Aufschwung im Zentrum stand und Grenzen kein Thema waren, galt die Steigerung des Bruttosozialprodukts als Richtschnur und nur wenige sahen eine Problematik in dieser Form des Wachstums. „Visionäre, die erkannten, wie weit reichend dieses wirtschaftliche Wachstum subventioniert wurde durch die Abwälzung von Kosten auf die Natur, auf die Menschen in anderen Regionen in dieser Welt und auf kommende Generationen“, so Klaus Töpfer in seiner Beschreibung Graf Lennart Bernadottes und der wenigen Visionäre dieser Zeit. Er charakterisierte den Grafen als einen Menschen des verbindlichen „ich“, der sich mit dem Satz „Hiermit lege ich die Grüne Charta von der Mainau vor.“ nicht mit dem heute oft üblichen „wir“ oder „man“ den Weg für einen möglichen Rückzieher offen hielt. „Erst langsam lernen wir, den ökonomischen Wert von Dienstleistungen der Natur zu schätzen – und ihnen einen angemessenen Preis am Markt zu verschaffen“, unterstreicht Bundespräsident Christian Wulff die Aktualität der Forderungen der Grünen Charta in seinem schriftlichen Grußwort. 50 Jahre nach Verkünden der Grünen Charta und fast 20 Jahre nach Rio sind die Herausforderungen auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit nicht nur aktueller denn je, sondern vor allem komplexer und vielschichtiger. Graf Björn Bernadotte ging in seiner Rede auf die heute geläufigen Säulen der Nachhaltigkeit „Ökologie“, „Ökonomie“ und „Soziales“ ein. Klaus Töpfer regte eine weitere Säule an: die der Kultur. Welchen Wert hat die Schönheit der Natur?

Aus Tradition strebt die Insel Mainau stärker denn je eine ökonomische und ökologische Balance an. Der Schlosspark und botanische Garten im Bodensee ist seit 1998 nach den freiwilligen Öko-Audit-Richtlinien der EU (EMAS) zertifiziert. Aktuelles Ziel ist es, sich in den nächsten Jahren in Bezug auf Strom- und Wärmeenergie zu 100% aus regenerativen Quellen zu versorgen. „Zudem möchte ich den Gedanken meines Vaters weiterführen, indem ich mit den Angeboten der Mainau nicht nur auf die Umwelt einwirken will, sondern auch direkt auf den Menschen selbst“, erläuterte der diplomierte Sozialpädagoge Graf Björn Bernadotte. Indem er Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise mit der Natur in Kontakt bringen will, möchte er der zunehmenden Beschleunigung des Lebens entgegenwirken. Eine Einrichtung, die hierbei bereits bei Kindern ansetzt ist die Grüne Schule Mainau.

Der Festakt schloss mit der Ehrung zweier Institutionen – Deutsche Gartenbau-Gesellschaft und Deutscher Rat für Landespflege – für langjähriges Engagement im Sinne der Forderungen der Grünen Charta. Klingen soll vor allem die Forderung nach Taten, denn „dieser bedarf unsere Zeit am dringlichsten“.

Die Fundamentalsätze der Grünen Charta von der Mainau lauten:

Die Grundlagen unseres Lebens sind in Gefahr geraten, weil lebenswichtige Elemente der Natur verschmutzt, vergiftet und vernichtet werden.

Die Würde des Menschen ist dort bedroht, wo seine natürliche Umwelt beeinträchtigt wird.

Zu den unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten gehört auch das Recht auf ein gesundes und menschenwürdiges Leben in Stadt und Land.

Um des Menschen Willen ist der Aufbau und die Sicherung einer gesunden Wohn- und Erholungslandschaft sowie Agrar- und Industrielandschaft unerlässlich.

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